DER INFORMATIONS- UND ERINNERUNGSORT

Die Geschichte des ehemaligen Flakbunkers auf dem Heiligengeistfeld ist nur wenigen bekannt. Bis heute fehlt an dem Gebäude jegliche Kontextualisierung. Fragt man junge Besucher*innen fällt es ihnen oftmals schwer, es überhaupt zeitlich einzuordnen, geschweige denn seine Funktion genauer zu erläutern. Andererseits ist dieser Ort heute aus der Hamburger Kultur- und Medienszene nicht mehr wegzudenken. Man kennt ihn u.a. durch Club- und Konzertbesuche oder einfach als stiller Beobachter des Lebens auf St.-Pauli von etlichen Fotoaufnahmen ­– z.B. von den Spielen des FC St. Pauli oder dem Hamburger Dom.

Die Geschichte dieses Ortes erzählt sich trotz seiner monumentalen Ausmaße nicht von selbst und seitdem sich Hilldegarden e.V. 2015 gegründet hat, ist es uns ein Anliegen, diese Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit sichtbar zu machen. Denn wir sind davon überzeugt, dass auch über 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus das Erinnern an und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen nicht aufhören darf – nahezu jede einzelne Familiengeschichte ist in irgendeiner Form von den damaligen Geschehnissen betroffen, auch wenn zum Teil bis heute darüber geschwiegen wird. Dazu zeigen aktuelle gesellschaftspolitische Veränderungen, dass ein demokratisches Miteinander, und ein Leben in bunter Vielfalt, immer wieder auch Anfeindungen erlebt. Es kann leider nicht als selbstverständlich angesehen werden und ist gefährdet, wenn wir zulassen, dass die Vergangenheit verblasst.

Was für ein Ort war der Bunker im Nationalsozialismus?

Der Beschluss, im Rahmen des „Führer-Sofortprogramms“ in Hamburg einen Flakturm zu errichten, erreichte den damaligen Architekten Konstanty Gutschow am 17. Dezember 1941. Auslöser dafür waren u.a. die schweren Bombenangriffe auf Berlin im August 1940. Hitler beauftragte im gleichen Jahr Albert Speer mit der architektonischen Entwicklung eines Militärbaus zur Flugabwehr mittels Flugabwehrkanonen, kurz Flak. Unterstützend engagierte Speer im September 1940 den damals freischaffenden Architekten Friedrich Tamms mit den weiteren Entwürfen. Zunächst wurden drei Flaktürme in Berlin errichtet, danach folgten weitere Türme in Hamburg und Wien, wobei die Bauweise der verschiedenen Türme zum Teil variiert.

Charakteristisch für einen Flakturm war zum einen, dass er generell aus zwei Türmen bestand – einem Gefechtsturm und einem Leitturm – die in einigen hundert Metern Abstand zueinander aufgestellt wurden. Die Gefechtstürme weisen eine deutlich massivere Bauweise als die Leittürme auf. Dazu verfügen sie über eine massive 2,5 m dicke Bodenplatte, die weit über die tatsächliche Grundfläche des Gebäudes hinausgeht. Ihre Bauweise ist eine stabile selbstragende Konstruktion, die trotz schwerer Schäden an den Außenwänden oder beim Einsturz ganzer Stockwerke die Statik des Gebäudes sicherstellt. Dazu musste das Gebäude seinem Zweck entsprechend, den tonnenschweren Flugabwehrkanonen standhalten.

Die Bauzeit des Flakturms IV am Heiligengeistfeld kann heute nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Zeit von April 1942 bis in den Sommer 1943 datiert werden. Noch im Mai 1943 kam es zu Bauverzögerungen, insbesondere beim Innenausbau, so dass der vollständige Betrieb noch nicht aufgenommen werden konnte und die Zivilbevölkerung hier in provisorischen Räumen, zum Teil ohne Treppengeländer und bei nicht voll funktionsfähiger Wasserversorgung, während der Bombenangriffe untergebracht wurde. Auf die Initiative des Vereins Hilldegarden konnten 2015 durch einen Aufruf im Hamburger Abendblatt einige Zeitzeug*innen ausfindig gemacht werden, die uns in Interviews ihre Erinnerungen an die sogenannten Bunkernächte schilderten:

 

Bis heute finden bei uns im Verein regelmäßig Treffen von Zeitzeug*innen statt. Es ist eine kleine, feste Gemeinschaft entstanden und es ist immer wieder beeindruckend, den Geschichten von damals zuzuhören. Dafür sind wir sehr dankbar und sehen, wie lebendig Geschichte durch diese persönlichen Begegnungen werden kann.

Zwangsarbeit

Nach derzeitigem Forschungsstand wurden während des Baus bis zu 2.400 Zwangsarbeiter*innen eingesetzt, die nach Auswertung von Originalunterlagen zum Teil von den Flakturmbaustellen in Berlin übernommen werden sollten. Sie litten unter der enormen Belastung des Arbeitseinsatzes und der unmenschlichen nationalsozialistischen Rassenideologie, die sie tagtäglich ertragen mussten. Die Unterbringung und die Versorgung waren mehr als mangelhaft, zudem herrschte keinerlei Arbeitsschutz und in der Regel kaum eine medizinische Versorgung. Häufig handelte es sich dabei um zwangsrekrutierte Arbeitskräfte aus deutschen Besatzungsgebieten, die gegen ihren Willen zu dieser Arbeit verpflichtet wurden.

Der damalige Reichsstatthalter Karl Kaufmann beauftragte im Mai 1941 den Architekten Konstanty Gutschow mit der Leitung des Amtes für kriegswichtigen Einsatz (AkE), das als unmittelbarer Arbeitgeber in der Bauwirtschaft galt und ebenfalls mit dem Ausbau der Lager für Zwangsarbeiter*innen betraut war. Ebenso war das AkE in die Einsatzplanung und Rekrutierung der Zwangsarbeitskräfte involviert. Gutschow, der bereits seit 1939 mit Neugestaltung des Elbufers befasst war, wurde einen Monat zuvor durch Kaufmann mit der Neugestaltung der Hansestadt Hamburg beauftragt. Seit Dezember 1941 war er ebenfalls mit der Standortsuche und der Bauplanung des ersten Flakturms in Hamburg beauftragt und, in enger Kooperation mit Hamburger Firmen und Behörden sowie dem Reichsministerium für Bewaffnung und Munition in Berlin, bis zu dessen Fertigstellung mit dem Bau betraut.

Besonders tragisch und zynisch ist die Tatsache, dass die Zwangsarbeiter*innen, die mit dem Bau des Flakturms ebenso einen Schutzraum für die Hamburger Zivilbevölkerung geschaffen haben, in den Bombennächten keinen Zutritt hatten und den Bombenhageln ungeschützt ausgeliefert waren.

Weitere Informationen zu dem Thema Zwangsarbeit in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939 – 1945 sind unter http://zwangsarbeit-in-hamburg.de zu finden. Hier sind die zentralen Erkenntnisse der wissenschaftlichen Arbeit von Dr. Friederike Littmann in einer interaktiven Karte dokumentiert.

Besonders empfehlenswert zu dem allgemeinen Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus ist ebenfalls die Seite des Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin https://www.ns-zwangsarbeit.de

 

Flakhelfer

Insbesondere im späteren Kriegsgeschehen wurden junge Männer, zum Teil noch Kinder, aus den angrenzenden Schulen als Flakhelfer rekrutiert. Sie wurden damit beauftragt, die Flugabwehrkanonen zu bedienen, sie mit Munition zu befüllen, auszurichten und abzufeuern, um Luftangriffe abzuwehren. Oftmals wurde die dramatische Dimension dieser Einsätze erst Jahre später bewusst, wie wir aus Zeitzeugengesprächen wissen und belastet die Betroffenen lebenslang.

Flaktürme sind demnach nicht das, was man allgemein mit dem Begriff Bunker bezeichnet, womit in der Regel ein Luftschutzbau gemeint ist.

Die Funktion der Flaktürme ist wesentlich vielschichtiger und somit auch die Geschichte, die an diesen Orten – und nur an diesen Orten – erzählt werden kann. Das Kriegstrauma der Zivilbevölkerung steht hier wie an keinem anderen Ort dem ausbeuterischen System der Zwangsarbeit direkt gegenüber, weshalb beide Geschichten an diesen Orten thematisiert werden müssen. Dazu wird deutlich, dass der Einsatz von Zwangsarbeitskräften mitten in den Städten vor den Augen der Bevölkerung stattgefunden hat. Es überlagern sich somit die Themen Rettung und Gewalt, Zuflucht und Zerstörung. [Knoch, Habbo: Transitstation der Gewalt. Bunker und Baracken als Räume absoluter Verfügbarkeit.]

Nachkriegszeit – Wandel zum Kreativ- und Medienbunker

In den Nachkriegsjahren stellten die Flaktürme die Alliierten aufgrund ihrer Massivität allerorts vor Probleme. Als ein Zeichen der Demoralisierung der Deutschen wollte man die Türme vernichten, was in der Regel sehr kompliziert und für die anliegende Infrastruktur eine erhebliche Gefahr darstellte. Dazu war der Wohnraum überall knapp, viele Menschen verloren ihre Wohnung durch die Bombardierungen und waren obdachlos. Im Rahmen der sogenannten Entfestigung wurden Fensteröffnungen in die Außenmauern gesprengt und die Falktürme wurden somit für die Zivilbevölkerung nutzbar.

Auch in Hamburg am Heiligengeistfeld wurde der Gefechtsturm des Flakturms IV unter anderem als Wohnraum genutzt, was sich allerdings aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen nur als Notlösung eignete. Weiterhin lagerten hier auch Teile der Hamburger Archive und Kultureinrichtungen ein, das Deutsche Rote Kreuz hatte u.a. eine Essensausgabe eingerichtet und das Gesundheitsamt eine Impfstation. 1945 gründete der Privatarchitekt Erwin Knaack die „St. Pauli Turm-Betriebsgesellschaft GmbH“, eine Großbunker-Nutzungsgesellschaft, wodurch sich erste Kultureinrichtungen und Restaurants ansiedelten. 1949 bezog der Nordwestdeutsche Rundfunk das vierte und fünfte Geschoss des ehemaligen Leitturms und im Jahr 1956 richtete der Fotograf F.C. Gundlach im ehemaligen Gefechtsturm, der mittlerweile den Namen Hochhaus I bekommen hatte, ein Atelier ein.

Der Leitturm, Hochhaus II, wurde 1973 an die Deutsche Bundespost verkauft und anschließend gesprengt. Heute steht hier das Telekomgebäude an der Budapester Straße.

Der Gefechtsturm entwickelte sich nach und nach zu einem Kreativ- und Medienbunker.

 

Was für ein Ort ist der Bunker heute?

Als ab dem Jahr 1989 mit Ende des Kalten Krieges die Zivilschutzbindung für öffentliche Schutzräume sukzessive aufgehoben wurde, wurde auch das Thema der Sprengung des Flakturms am Heiligengeistfeld neu diskutiert. Wieder entschied man sich u.a. auch aufgrund immenser Kosten dagegen und verfolgte weiter den Weg der Umnutzung. Politisch und gesellschaftlich war dieser Ort bereits zu diesem Zeitpunkt sehr umstritten. Für einige war der ehemalige Gefechtsturm ein Schandfleck, für andere sollte er als Mahnmal in jedem Fall erhalten bleiben.

1993 vereinbarte die Freie und Hansestadt Hamburg mit Professor Thomas J.C. Matzen einen Erbbaurechtsvertrag, worin unter anderem der weitere Wandel zu einem modernen Medienzentrum festgehalten wurde. Heute ist dieser Ort aus der Kultur- und Medienszene in Hamburg nicht mehr wegzudenken und das bunte, vielfältige Leben im Bunker steht in einem wunderbaren und geradezu demonstrativen Kontrast zu dem massiven Gebäude und den damaligen nationalsozialistischen Ideologien.

Was für ein Ort wird der Bunker in der Zukunft sein?

Die umstrittene Aufstockung wurde durch die Freie und Hansestadt Hamburg genehmigt und damit gehen in Bezug auf die Erinnerungskultur an diesem Ort berechtigte Fragen einher. An erster Stelle steht die Frage, wie man an die Verbrechen der Nationalsozialisten auch noch in Zukunft erinnern kann, wenn die Orte immer weniger sichtbar sind. Wird durch eine Veränderung der Orte die Geschichte und die Vergangenheit verändert, verschleiert oder sogar unsichtbar gemacht? Es ist richtig, dass gerade heute und in Zukunft, historische Orte eine besondere Rolle spielen, da immer weniger Zeitzeug*innen persönlich über die Vergangenheit und das Leid im Nationalsozialismus berichten können. Die Authentizität eines Ortes spricht oftmals für sich, man erlebt ihn mit allen Sinnen. Auch am Heiligengeistfeld ist es eine gänzlich andere Erfahrung, sich von dem Bunker ein Foto anzuschauen oder den Ort selbst zu erfahren, die Ausmaße des Gebäudes, die massiven Wände, die Höhe, das beklemmende Gefühl an manchen Ecken zu spüren, wenn man sich gedanklich in eine andere Zeit versetzt.

Doch unsere Zeit ist auch geprägt von Veränderung, und es ist ein ebenso berechtigtes und menschliches Interesse, nach vorne schauen zu wollen, Orte neu zu definieren und Ideen auszuprobieren – lebendig zu sein.

Wir möchten in Zukunft, dass an diesem Ort beides einen festen Platz bekommt: das Erinnern und Gedenken, wie auch das Gestalten und Wachsen. Wir wollen neue Wege ausprobieren, auch in der Erinnerungskultur. Um eine konkrete Vorstellung davon zu bekommen, beauftragte Hilldegarden e.V. die gwf-ausstellungen mit einer Machbarkeitsstudie zur Errichtung eines Informations- und Erinnerungsortes, die im April 2020 fertiggestellt wurde. Das Ergebnis ist vielversprechend und macht uns Mut, diesen Weg weiterzuverfolgen.

Vorgesehen sind verschiedene Module, die in unterschiedlichen Bereichen des Gebäudes historische Spuren aufnehmen und die Vergangenheit sichtbar machen werden sowie die Errichtung eines Informations-ortes mit Ausstellungsfläche und der Möglichkeit für eine pädagogische Arbeit mit Schulklassen und Studierenden.

Die Errichtung und inhaltliche Ausrichtung des Informations- und Erinnerungsortes wird durch einen wissenschaftlichen Fachbeirat beratend begleitet.

Fragen und Anregungen zum Thema Erinnerungskultur im ehemaligen Flakturm auf dem Heiligengeistfeld und dem zukünftigen Informations- und Erinnerungsort gerne an: sandrauhlig@hilldegarden.org